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Ikigai vs. Ikigai-Diagramm – Zwei verschiedene Konzepte?

  • Karina Röpcke
  • 5. März
  • 3 Min. Lesezeit

Beitragsbild: Illustration und Überschrift "Ikigai - Japanische Weisheit oder Kariere-Hack?"

Lange Zeit dachte ich, das Ikigai-Diagramm mit den vier Kreisen sei eine traditionelle japanische Darstellung dieses Konzepts. Bis ich mich tiefer damit auseinandersetzte.

Ich kaufte mir das Buch "Ikigai - Die Japanische Lebenskunst*" von Ken Mogi, neugierig darauf, endlich mehr über diese Diagramme zu erfahren. Doch zu meiner Überraschung: Kein einziges Wort darüber. Stattdessen erzählte Mogi von einem Fischer, der mit großer Hingabe seinem Handwerk nachgeht, vom kunstvollen Schalenbau, von alltäglichen Routinen, die den Menschen Erfüllung schenken. Seine Beispiele zeigten, dass Ikigai nicht nur ein Modell ist, sondern eine wundervolle Lebensweise, die Sinn stiftet und das Altern gesund und glücklich macht.

Doch woher kommt dann das Diagramm mit den vier Kreisen? Und was hat es wirklich mit dem japanischen Konzept des Ikigai zu tun?


Was ist der Unterschied? Lies selbst!


 

Was du in diesem Artikel lesen kannst:


 

Es gibt tatsächlich zwei unterschiedliche Arten, wie der Begriff Ikigai heute genutzt wird:


1. Ikigai als traditionelle japanische Lebensweise


In Japan ist Ikigai tief in der Kultur verwurzelt und beschreibt einen ganzheitlichen, eher subtilen Lebenssinn. Dabei geht es weniger um beruflichen Erfolg oder eine große Lebensaufgabe, sondern vielmehr um kleine, alltägliche Dinge, die das Leben lebenswert machen.


Was macht das traditionelle Ikigai aus?


  • Kleine Momente genießen

    Das kann ein Spaziergang sein oder das Trinken und Genießen einer Tasse Tee. Es kann aber auch die gemeinsame Zeit mit der Familie sein.


  • Ein Gefühl von Gemeinschaft und Zugehörigkeit

    Gerade in ländlichen Regionen Japans ist das Miteinander noch tief verwurzelt. Die Menschen unterstützen sich gegenseitig, sei es im Alltag oder in schwierigen Zeiten. Besonders schön zu sehen ist das in der Netflix-Doku "The Blue Zones" (absolute Empfehlung!**), wo deutlich wird, wie ältere Menschen aktiv ins Familienleben eingebunden sind. Sie helfen, geben ihre Weisheit weiter und sind ein fester Teil der Gemeinschaft – anstatt am Rand zu stehen. Das tut nicht nur ihnen gut, sondern stärkt auch die jüngeren Generationen. Denn wenn Jung und Alt sich gegenseitig bereichern, entsteht etwas, das weit über ein langes Leben hinausgeht: echte Verbundenheit.


  • Langsames und bewusstes Leben

    Langsamkeit statt ständiger Optimierungsdruck.


  • Eine positive Einstellung zum Altern


  • Beständigkeit und Routine (statt ständiger Suche nach „dem einen großen Ding“)


In Okinawa, einer der berühmten „Blue Zones“ mit überdurchschnittlich vielen Hundertjährigen, ist Ikigai eng mit Langlebigkeit verbunden. Die Menschen dort führen ein aktives, aber entspanntes Leben, haben enge soziale Bindungen und eine starke Verbindung zu ihrer täglichen Arbeit, sei es Gartenarbeit, Kochen oder Handwerk.


Daher: In Japan selbst gibt es keine festen „vier Fragen“ oder eine einzige Formel für Ikigai. Es ist vielmehr eine individuelle, persönliche Wahrnehmung des Lebenssinns.


2. Ikigai als westliches Konzept (mit den vier Kreisen)


Im Westen ist Ikigai vor allem durch das berühmte „Ikigai-Diagramm“ bekannt geworden, eine Grafik mit vier sich überschneidenden Kreisen:


  • Was du liebst

  • Worin du gut bist

  • Was die Welt braucht

  • Wofür du bezahlt werden kannst


IKIGAI-Diagramm

Ich dachte, das Ikigai-Diagramm sei eine traditionelle japanische Darstellung, doch das stimmt so nicht. Tatsächlich wurde es vom spanischen Autor Andrés Zuzunaga entwickelt und 2012 als "Purpose Venn Diagram" veröffentlicht. Erst später wurde es mit dem japanischen Konzept des Ikigai verknüpft. Durch seine große Verbreitung entstand der Irrglaube, es stamme direkt aus Japan.


Wenn du heute nach dem Ikigai-Diagramm suchst, wirst du vor allem Karriere-Ratgeber finden, dabei ist Ikigai so viel mehr als nur ein Beruf.


Was ist der Unterschied zum traditionellen Ikigai?


  • Stärker auf Beruf und Produktivität fokussiert

  • Zeigt eine Art „Tool“, um den Sinn zu finden

  • Kann unter Druck setzen, „die eine große Lebensaufgabe“ zu entdecken

  • Nicht von den ursprünglichen japanischen Wurzeln inspiriert


Fazit: Ist es das Gleiche oder nicht?


Nein, es sind zwei verschiedene Dinge!


  • Das japanische Ikigai ist ein flexibles, persönliches Konzept für ein erfülltes Leben, unabhängig von Erfolg oder Geld.

  • Das westliche Ikigai-Modell ist eine Struktur, um Karriere und Lebenssinn zu vereinen, aber oft zu eng auf Arbeit und Leistung ausgerichtet.


Mein Tipp: Wenn du Ikigai wirklich verstehen und leben will, kannst du die entspannte japanische Haltung mit dem strukturierten westlichen Modell kombinieren. Es geht nicht darum, „den einen großen Zweck“ zu finden, sondern darum, mehr von dem ins Leben zu holen, was es bereichert, in ganz kleinen Schritten.



*Buchempfehlung (unbezahlte Werbung): "Ikigai - Die Japanische Lebenskunst" (Autor: der japanische Neurowissenschaftler Ken Mogi)

**Serienempfehlung (unbezahlte Werbung): "Die Geheimnisse der Blauen Zonen": Die Dokumentarserie aus dem Jahr 2023, hat mich nachhaltig beeindruckt. Sie zeigt, wie man glücklich 100 Jahre werden kann.

Illustration: Karina Röpcke

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